Resilienz – wenn du es nicht bist, bist du selber schuld?

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Der Begriff der Resilienz bezeichnet eigentlich die psychische Widerstandsfähigkeit und wurde im Rahmen der Erforschung von Traumatisierung geprägt. Er wird verstanden als Schutzfaktor, der einen trotz traumatischer Erfahrungen oder fehlender Unterstützung vor einer psychischen Folgeerkrankung schützen kann.

Ein Vorreiter auf dem Gebiet der Forschung in diesem Bereich war Aaron Antonovsky. Der von Antonovsky untersuchte Begriff des Kohärenzsinns (Vorläufer der Resilienz) beinhaltet drei Komponenten: Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Handhabbarkeit einer Situation. Sind diese drei Komponenten erfüllt, kann das vor einer psychischen Erkrankung schützen. Untersucht hat Antonovsky das übrigens an KZ-Überlebenden, diese hatten alle einen ausgeprägten Kohärenzsinn.


Vereinfacht ist Resilienz vielleicht vergleichbar mit dem Immunsystem. Grundsätzlich etwas, das jeder in einer gewissen Ausprägung hat und das auch prinzipiell beeinflussbar ist. Man sieht die Auswirkungen, wenn der Schutz nicht ausreichend ist und hat in groben Zügen verstanden, was zur Ausbildung des Systems führt, es ist aber kein Allheilmittel.

Gerade von Personen, die keine fundierte psychosoziale Ausbildung haben, wird der Begriff jedoch immer häufiger in einem anderen Kontext gebraucht. Vor allem aus der Ratgeberliteratur und in Zusammenhang mit dem Selbstoptimierungswahn in Bezug auf den Selbstwert hört man oft Dinge wie “ich kann alles, wenn ich es wirklich will”. Dieses neue Gebot, positiv zu denken und sein eigenes Glück nicht aufzugeben, ist zwar grundsätzlich gut gemeint, es beinhaltet jedoch auch eine implizite Vorstellung, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Und wer nicht resilient genug ist, nicht positiv genug gedacht hat und daher unglücklich oder gar psychisch erkrankt ist, ist somit automatisch selbst schuld.


Eine solche Denkweise birgt verschiedene Gefahren. Vor allem, wenn sie unreflektiert in die Welt getragen wird. Zum einen trägt es zur Stigmatisierung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung bei, da diese dann ja “selber schuld” sind, hätten ja was tun können für ihre Resilienz. Zum anderen führt es dazu, dass Mensch, um dazu zu gehören, stets positiv denken muss. Negative Gefühle sind unerwünscht, werden verdrängt oder einfach mit dem Deckmantel des Positivismus umhüllt. So oder so, sie finden kein Gehör, keinen Platz, nicht mal im eigenen Inneren. Ein solcher Umgang mit Emotionen – sie zu unterdrücken, zu verleugnen, nicht ernst zu nehmen – kann krank machen. Je positiver man denken muss (je weniger negative Gefühle erlaubt sind), desto kränker wird man und desto mehr erlebt man sich als selbst schuld daran. Eine Abwärtsspirale an deren Ende man scheinbar keine Hilfe verdient hat.

An der Grundidee, den Fokus vom Negativen weg, hin zum Positiven zu richten, ist an sich nichts auszusetzen. Es kann im Gegenteil sehr hilfreich sein, sich hin und wieder bewusst zu machen, dass wir Menschen (aus guten Gründen) dazu tendieren, Negatives über- und Positives unterzubewerten. Dann kann der Fokus sanft zum im eigenen Leben reichlich vorhandenen Positiven verschoben werden und die Probleme damit relativiert. Was aber auf keinen Fall passieren sollte, ist, dass man so tut, als gäbe es nichts Negatives im eigenen Leben. Unangenehme Emotionen sind äußerst wichtig, sie sichern unser Überleben und geben Aufschluss darüber, ob unsere Bedürfnisse erfüllt wurden oder nicht. Es ist genauso wenig ratsam, unangenehme Emotionen zu ignorieren, wie es sich empfiehlt, Hunger, Durst oder Schmerz keine Bedeutung beizumessen.


Viel gesünder wäre es stattdessen, sich bewusst zu machen, was einem alles Kraft gibt im Leben, die eigenen Ressourcen gut zu kennen und wo nötig auch zu erweitern oder verfeinern. Und gleichzeitig Unangenehmem Raum geben, Belastungen teilen und sich Unterstützung zu holen wo nötig.

Kommen wir nochmal zurück zum Kohärenzsinn. Geht man davon aus, dass wir möglichst oft diese drei Komponenten erfüllt haben sollten, wird sehr deutlich, weshalb das Positiv-Denken-Mantra so unsinnig ist. Eine Situation muss verstehbar sein. Wenn ich meine eigenen Gefühle nicht zulassen darf, kann ich sie nicht benennen, dann werde ich sie in ihrem Ursprung nicht ergründen und kann sie auch nicht verstehen. Der Sinn einer Situation wird sich mir nicht erschließen, wenn ich nicht einmal meine eigene Reaktion darauf einordnen kann. Natürlich kann ich mir selbst mantrahaft vorbeten, alles habe einen höheren Sinn. Beim Begriff der Sinnhaftigkeit geht es aber nicht darum, was ich nach außen präsentiere, sondern woran ich im inneren glaube. Sich selbst etwas einreden zu wollen, während gegenteilige Gefühle vorherrschen widerspricht dem deutlich. Auf Basis fehlender Informationen (über meine wahren Gefühle) kann ich auch nicht adäquat handeln. So ist auch die Handhabbarkeit nicht gegeben.


Selbstverständlich ist die Beschäftigung mit der eigenen Resilienz eine gute Idee und kann helfen, diese zu stärken. Hier kann ein Fokus auf das Positive helfen. Unangenehmes wegdrücken und mit dem Deckmantel des Positivismus überdecken ist hingegen selten eine gute Idee.

Wie überall gilt hier das Prinzip der Homöostase: ein natürliches Gleichgewicht zu halten trägt zur eigenen Gesundheit bei.

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