Was Sie vor einer Therapie oder Beratung wissen sollten

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Die meisten Menschen haben keine Vorstellung davon, was sie in einer Beratung oder Therapie erwartet. Das kann Unbehagen bis hin zur Angst auslösen. Häufig fällt mir auf, dass man – wenn man schon eine gewisse Zeit auf der anderen Seite des Klemmbretts sitzt – schnell vergessen kann, wie verunsichernd das ist. Deshalb möchte ich Ihnen heute einige Dinge mitgeben, die zu wissen hilfreich sein könnte, bevor man das Wagnis beginnt.

Wir sind ein Team

Man wird nicht therapiert, man geht in die Therapie. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied z.B. zu einer ärtzlichen Behandlung mit Medikamenten oder einer OP. Ich gehe nicht in die Therapie und dort macht man etwas mit mir und dann geht´s mir schlagartig besser. Im Gegenteil: Sie bekommen dort Anregungen, woran gearbeitet werden könnte. Oder bildlich gesprochen: Ihre Therapeutin oder Ihr Therapeut kann die Tür nur aufmachen, Sie müssen selbst entscheiden ob Sie durchgehen und die angebotenen Schritte wagen. Das bedeutet einerseits: wenn Sie sich nicht bewegen, verändert sich nichts. Und andererseits: Sie sind nicht allein, Sie haben eine:n verlässliche Begleiter:in auf Ihrem Weg!

Die Chemie muss stimmen

Gerade in Hinblick auf die prekäre Lage was Therapieplätze in Deutschland angeht kann das ein herausfordernder Punkt sein. Aber es ist wichtig, auf das Bauchgefühl zu hören, was die Chemie angeht. Denn: der Beratungs- oder Therapieerfolg hängt maßgeblich davon ab, ob die Passung zwischen Klient:in/ Patient:in und Therapeut:in stimmt. Wenn Sie Ihr Intimstes, Ihre Ängste Sorgen und Ihren Prozess mit jemandem teilen, sollten Sie sich dabei wohlfühlen!

Marathon statt Sprint

Natürlich wünschen Sie sich schnell Hilfe und Sie erleben die aktuelle Situation als nahezu unaushaltbar, deshalb suchen Sie ja professionelle Hilfe auf. Überstürzte Veränderung und Lippenbekenntnisse gehen jedoch zu Lasten der Nachhaltigkeit. Statt dafür zu sorgen, dass “wieder alles gut” ist, wäre es doch viel hilfreicher, wenn Sie lernen könnten, schwierige Situationen wie die vor der Sie stehen mit Leichtigkeit zu meistern. Dafür braucht es einerseits einen langen Atem, andererseits muss man wissen, dass es hier darum geht den Prozess an sich wertzuschätzen.

Offen und Ehrlich

Entgegen der landläufigen Meinung können Psycholog:innen und Therapeut:innen NICHT Gedanken lesen. Wir müssen unsere Patient:innen verstehen können um zu helfen. Deshalb wird niemand in der ersten Stunde geheilt werden können. Und der Fortschritt der Therapie oder Beratung hängt maßgeblich davon ab, wie offen und ehrlich unsere Patient:innen sind.

Jedes Gefühl ist willkommen

Verstecken, verschweigen, verleugnen oder Kleinreden von Gefühlen sollten Sie in der Therapie vermeiden. Denn Gefühle zu erleben, ihnen Raum zu geben, sie einzusortieren und den Umgang damit zu lernen ist einer der Kernpunkte von Therapie.

Wer schon mal bei der Physiotherapie war, kennt das: direkt danach tut erstmal alles weh, es fühlt sich an als hätte die Therapie alles schlimmer gemacht. Aber einige Stunden, manchmal auch erst Tage später, scheint sich etwas gelöst zu haben und die Schmerzen werden weniger. Ganz ähnlich kann man es sich in der Psychotherapie vorstellen. Eine Woche, in der ganz viel Ärger, Trauer oder Schmerz ein ständiger Begleiter sind, mag sich bescheiden anfühlen. Aber es kann ein Zeichen dafür sein, dass sich etwas gelöst hat. Wichtig dabei ist, dass solche Gefühle Thema der Therapie werden dürfen. Denn natürlich ist nicht jede schmerzhafte Phase ein Fortschritt und trotz aller Würdigung für den Prozess soll eine Therapie auch immer eine Begleitung in schwierigen Zeiten sein.

Niemand kann repariert werden

Wir können die Tür nur aufmachen, durchgehen müssen Sie selbst. Eine Kollegin aus der Klinik hatte das schöne Bild eines reichhaltigen Obstkorbes, den Sie anbietet. Jede und jeder darf sich nehmen, was er oder sie gerade braucht. Ich finde das Bild vor allem deshalb sehr passend, weil eben beherzt zugegriffen werden muss und darf. Therapie oder Beratung mit einer Konsum-Haltung anzugehen muss scheitern. Denn es geht in diesen Gespprächen darum, eben diese Haltung zu hinterfragen und gezielt nur das auszuwählen, was mir langfristig gut tut. Gleiches gilt übrigens für die Achtsamkeit.

Ziel ist nicht, wieder zu funktionieren

Es geht in einer Beratung oder Therapie um persönliches Wachstum, um Entwicklung und darum, den Umgang mit schwierigen Situationen zu lernen, statt nur eine schwierige Situation zu überwinden. Deshalb ist es weder hilfreich, noch möglich, jemanden “zu reparieren” oder “wieder zu funktionieren”. Zumal Menschen, die Therapie oder Beratung aufsuchen nicht kaputt sind!

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