Fehler in der Arbeit: Über den Wert des Scheiterns

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Ich möchte heute ein wenig Licht auf die unangenehmeren Begleiter des Alltags werfen und versuchen aufzuzeigen, wie auch diese zur eigenen psychischen Gesundheit beitragen können. Dabei starten wir heute mit einem Thema, das viel zu oft unausgesprochen bleibt: Fehler in der Arbeit.

Vom Scheitern und Versagen

Jede:r macht Fehler, das steht außer Frage, aber während für den Einen Fehler ein Weltuntergang sind, ist es für die Andere eine Chance zur Weiterentwicklung. Worin liegt dieser Unterschied begründet?

Einerseits sicher in Persönlichkeitsmerkmalen, Vorerfahrungen und anderen nahezu unbeeinflussbaren Faktoren, andererseits sicherlich auch in der (die Person umgebende) Fehlerkultur. In diesem Zusammenhang werden zwei Begriffe wichtig, die häufig verwechselt oder gleichgesetzt werden: Scheitern und Versagen.


“Hinter jedem Fehler verbirgt sich die Chance, zu lernen”


Wenn ich versage, dann bin ich die Person, die einen Fehler gemacht, etwas unterlassen oder nicht genug investiert hat. Die Schuld trifft allein mich und oft ist ein Gefühl von Schuld und Scham damit verbunden. Scheitere ich, dann scheitere ich AN den Umständen. Ich habe möglicherweise alles richtig gemacht, alles gegeben, nicht vorhersehen können, was passieren würde (die Corona-Pandemie ist hierfür das aktuell beste Beispiel). Und obwohl ich alles richtig gemacht habe, bin ich gescheitert, hat etwas nicht so geklappt, wie gewünscht. Das kann hilflos und ohnmächtig machen. Und Hilflosigkeit ist oft schwer auszuhalten, weshalb es manchmal einfacher sein kann, ärgerlich zu werden oder sich schuldig zu fühlen. Denn der entscheidende Unterschied ist: ich HÄTTE etwas tun können, ich war nicht ohnmächtig.

Jetzt stehen wir vor einem Problem, denn wenn ich versage, habe ich tatsächlich etwas falsch gemacht, kann also nächstes Mal etwas besser machen. Bin ich gescheitert, habe ich keinen Fehler gemacht, ich kann also auch nichts ändern. Vermeide ich die Hilflosigkeit des Scheiterns indem ich mich in mein scheinbares Versagen flüchte, versuche ich also krampfhaft ein erneutes Scheitern zu verhindern, das ich gar nicht verhindern kann, weil ich ja in erster Linie überhaupt keinen Fehler begangen hatte.

Was also tun?

Zunächst einmal ist es wichtig, die Gefühle, die durch den scheinbaren eigenen Fehler entstehen, zuzulassen. Und ehrlich Bilanz zu ziehen: habe ich versagt? oder bin ich gescheitert? Egal zu welchem Schluss ich komme, beides ist frustrierend und tut weh. Das muss ich aushalten können und zum Aushalten brauche ich Frustrationstoleranz.


Die Ungeduld, mit der man seinen Zielen zueilt,
ist die Klippe, an der oft gerade die besten Menschen scheitern

Friedrich Hölderlin

Das Marshmallow-Experiment

Das sogenannte Marshmallow-Experiment – viele kennen es aus der aktuellen Überaschungsei-Werbung – misst die sogenannte Frustrationstoleranz. Es handelt sich um einen Test zur Bestimmung der Impulskontrollfähigkeit. 600 Kinder (4-6 Jahre alt) hatten die Wahl: einen Marshmallow gleich essen oder 15 Minuten warten und einen zweiten bekommen. Viele Jahre später wurden die Getesteten zu verschiedenen Aspekten ihres Lebens befragt. Das Ergebnis: Wer einem Marshmallow vorübergehend widerstehen konnte, hatte statistisch gesehen bessere Karrierechancen und mehr Erfolg im Leben.

Eine Wiederholung dieser Studie findet sich im Video unten.

Es wird also deutlich: Scheitern bzw. den Aufschub einer Belohnung hinzunehmen ist eine wichtige Fähigkeit, die zu mehr Erfolg im Leben führen kann. Und in späteren Studien hat sich herausgestellt, dass diese Fähigkeit erlernbar ist. Sich in Geduld zu üben, zahlt sich also aus.

Es bleibt also die Frage, was tun bei Versagen. Denn auch das muss kein Weltuntergang sein, es verbirgt sich hinter jedem Fehler die Chance, zu lernen. Um aus Fehlern zu lernen, braucht es vor allem eines: eine entsprechend förderliche Fehlerkultur und vor allem eine offene Gesprächsatmosphäre.

Der Frage, wie entwickle ich eine förderliche Fehlerkultur, widme ich einen eigenen Beitrag.

Wie gehen Sie mit Fehlern um? Kennen Sie den Unterschied zwischen Scheitern und Versagen? Haben Sie beides schon erlebt? Was durften Sie aus Ihren Fehlern lernen?