Ärger: Tabu und unterschätztes Gefühl

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Immer wieder bin ich in meiner Arbeit mit Gefühlen konfrontiert, häufiger eher mit für uns unangenehmen Gefühlen. Dabei fällt mir fast täglich auf, dass es Gefühle gibt, die sozial akzeptierter sind als andere. Freude zum Beispiel soll man zeigen, Ärger hingegen (vor allem als Frau) ist ein eher ungeliebter Gast. Ich möchte mich heute damit beschäftigen, warum wir überhaupt Ärger haben und wie man diesen für die eigene Selbstfürsorge nutzen kann, ohne anderen auf den Schlips zu treten.

Warum haben wir Gefühle?

Zunächst möchte ich auf den Nutzen von Gefühlen allgemein verweisen. Da allein Hintergrundinformation zu Gefühlen einen eigenen Beitrag füllt, habe ich mich zunächst diesem Thema angenommen und verweise an dieser Stelle nur darauf.

Heute also kurz und knackig: Gefühle sind überlebenswichtig, ähnlich wie Hunger, Durst und Schmerz. Unsere Emotionen sind Signale, die die Psyche uns sendet. Wir können sie als Anzeiger dafür verstehen, dass ein Bedürfnis erfüllt wurde oder eben nicht. Bedürfnis wurde erfüllt: angenehmes Gefühl, Bedürfnis wurde nicht erfüllt: unangenehmes Gefühl.

Was bringt er uns, der Ärger?

Wie ist das also konkret mit Ärger. Ich möchte Sie einladen, einmal kurz an die letzte Situation zu denken, in der Sie sich geärgert haben und sich gedanklich zurückzuversetzen. Was war der Auslöser für Ihren Ärger? Ist das eine typische Situation, in der Sie sich ärgern? Lässt sich dieser Auslöser etwas verallgemeinert ausdrücken?

Sie werden sehen: Ärger tritt vor allem in Situationen auf, in denen wir unsere Grenzen verteidigen oder unsere Ressourcen schützen müssen. Das hat evolutionär betrachtet einen Sinn, denn Ärger stellt gleichzeitig die dafür nötige Energie bereit. Wir stellen uns innerlich darauf ein, um die Ressourcen oder den Erhalt der eigenen Grenzen zu kämpfen und das braucht einiges an Energie. Das ist einer der Gründe, warum Sport hilft um Ärger zu regulieren: die Energie wird wieder abgebaut.

Folgen sozialer Erwünschtheit

Die Schwierigkeit entsteht also gar nicht durch den Ärger per se. Der ist einfach ein Anzeiger dafür ob wir uns in unseren Ressourcen oder persönlichen Grenzen bedroht sehen. Kommt aber diese soziale Komponente dazu: Ärger zeigen oder aggressiv werden ist nicht erlaubt, haben wir ein Problem. Denn der Ärger ist ja trotzdem da, ich fühle mich trotzdem bedroht, darf das aber nicht zeigen. Und gleichzeitig brauche ich meine gesamte Energie um den Ärger wegzudrücken, führe den Kampf also mit mir selbst, statt mit anderen. Oder aber ich gebe einfach auf, verteidige meine Grenzen gar nicht mehr. Und auch für den Selbstwert hat das Folgen: Denn ich lerne, dass es einen Teil von mir gibt, der ist scheinbar so unschön, so unaushaltbar für andere, der muss versteckt werden. Ich werde also nicht mehr in meiner Gesamtheit als Mensch angenommen, sondern nur unter der Bedingung, dass ich für andere nicht so unangenehm bin. In Extremform kann das zu psychischen Erkrankungen führen.

Ärger als Chance

Auch wenn es für unser Gegenüber natürlich unangenehm ist, wenn wir ärgerlich werden: Ärger hat eine überlebenswichtige Funktion – Schutz. Würde ich meine Ressourcen nicht verteidigen, könnte ich bis zur Erschöpfung arbeiten und mein gesamtes Hab und Gut verschenken. Statt dieses Gefühl ungehemmt auszudrücken oder es einfach unbesehen zu verdrängen, gäbe es noch eine dritte Variante: Gefühle als das zu nehmen, was sie sind: Bedürfnisanzeiger.

Versuchen Sie, statt im Gefühl zu bleiben, das Gefühl wahrzunehmen und aus einer Vogelperspektive heraus zu verstehen, was Ihnen das Gefühl mitteilt.

Fragen Sie Ihren Ärger doch einfach mal: was möchtest du mir sagen? Welches Bedürfnis wurde gerade nicht erfüllt? Was brauche ich im Moment?

Und versuchen Sie, die vom Ärger bereitgestellte Energie für die Erfüllung Ihrer Bedürfnisse zu nutzen, statt sich mit anderen zu streiten oder einen inneren Kampf mit sich auszufechten, weil Sie sich nicht ärgern dürfen.

Hilfestellungen in der Formulierung der eigenen Bedürfnisse auf eine – fürs Gegenüber – angenehme Art und Weise gibt die gewaltfreie Kommunikation. Hier wird zunächst die Beobachtung der Situation geschildert, gefolgt vom eigenen Gefühl, dem zugrunde liegenden Bedürfnis und endet mit einem Wunsch ans Gegenüber.