An der Partnerschaft wachsen – was macht eigentlich starke Beziehungen aus?

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In meiner Praxis begegnen mir immer wieder Beziehungen, die für die Beteiligten nicht befriedigend sind, stagnieren oder in der ihre Bedürfnisse nicht beantwortet werden. Im Zuge dessen kommt das Gespräch – vor allem in der Paarberatung – immer wieder auf die Frage, was macht starke Beziehungen aus?

Ich möchte heute sechs Dinge vorstellen, die bereichernde partnerschaftliche Beziehungen charakterisieren, in denen gemeinsames Wachstum und Wohlbefinden das Ziel sind.

Füreinander da sein

Ganz oft zeigt sich in der Beratung, dass es die Kleinigkeiten sind, vernachlässigt werden. Vor allem deshalb, weil das Fehlen dieser Kleinigkeiten kurzfristig völlig in Ordnung ist, das Leben dieses Fehlen gelegentlich sogar einfordert. Und, weil sich die Folgen davon erst langfristig bemerkbar machen. Starke Beziehungen charakterisiert, dass sich alle beteiligten bewusst Zeit füreinander nehmen. Wichtig ist nicht, ob Zeit miteinander abgesessen wird, sondern, dass diese wirklich bewusst gemeinsam verbracht und genossen werden kann. Die berühmte Quality Time also.

sehen und gesehen werden

An diese Zeiten schließt sich das Sehen und Gesehen werden an. Es gilt, sich für das Gegenüber tatsächlich und ehrlich zu interessieren. Offen zu sein für ihre Ideen, Werte und Überzeugungen, wieder ins Gespräch zu kommen über diese Dinge, über die Welt zu philosophieren. Gerade, wenn die meisten Gespräche des Alltags aus Notwendigkeiten oder Konflikten bestehen. Auch braucht es hier die Ehrlichkeit bezüglich eigener Ideen, Werte und Überzeugungen und den Mut, sich damit zu zeigen. Wenn beide in gleichem Maße bereit sind, sich darauf einzulassen, ist für jeden genug Raum.

Das Podest teilen

Und genau dieser Raum ist der, der gemeinsame Entwicklung ermöglicht. Gerade dann, wenn ich selbst diesen Raum brauche und so froh bin, ihn endlich einmal zu bekommen, ist es wichtig, dass ich auch wieder Platz für den Anderen oder die Andere schaffen kann. Gemeinsames Wachstum kann nur stattfinden, wenn beide Parteien gehört werden können und man sich gegenseitig auf´s Siegertreppchen hilft.

harmonische Uneinigkeit

Bei aller Gemeinsamkeit ist es aber wichtig, auch Konflikte nicht zu scheuen. Gerade wenn ich Harmonie anstrebe, möchte ich eben kein oberflächliches Lippenbekenntnis und darunter schwelende Konflikte. Dafür ist es eben nötig, eine Gesprächskultur zu entwickeln, wo diskutiert werden darf und die Unterschiede des Anderen/ der Anderen gegenseitig akzeptiert und respektiert werden. Diversität muss nicht zu Gräben führen, sie kann auch einfach als bereichernde Vielfalt erlebt werden und so bestehen.

Beziehung ist Arbeit, aber bitte nicht immer

Manchmal braucht es einfach eine Pause, um gemeinsam die Beziehung zu genießen. Ein scheinbarer Widerspruch vor allem in der Paarberatung ist der, dass man schon ganz früh versucht, schöne gemeinsame Zeiten zu etablieren. Der Gedanke entsteht, man sei doch zum Arbeiten hier und nun soll nur entspannt werden? Seltsam. Denkt man ein wenig genauer darüber nach, erschließt sich die Logik recht schnell: wenn ich fast ausschließlich unangenehme Erlebnisse in meiner Partnerschaft habe, hält sich meine Motivation, dafür zu arbeiten, in Grenzen. Denn die Belohnung bleibt stets aus. Daher: auch die Belohnung nicht vergessen, gelegentlich die Uneinigkeit beiseite legen und den/ die Andere(n) genießen.

Nicht perfekt, aber wir

Zu guter Letzt: auch von außen unharmonisch wirkende Beziehungen können sehr lange halten. Eine Beziehung muss nicht irgendwelchen Kriterien genügen um angenehm oder entwicklungsfördernd zu sein. Letztlich ist es viel wichtiger, dass beide Parteien sich darin wohl fühlen und die Beziehung so gestalten, wie es Ihnen und dem Gegenüber entspricht und gefällt. Und wie bereits der Paartherapeut Jürg Willi beschrieb: die Erfahrung zeigt, dass auch unglückliche Beziehungen sehr lange halten können. Etwas geben uns also auch diese Beziehungen, in denen nicht alles perfekt ist. Das soll kein Plädoyer dafür sein, auszuhalten, was einem nicht gut tut. Aber vielleicht an der ein oder anderen Stelle das Streben nach Perfektion zu hinterfragen und zufrieden zu sein mit dem Menschen an meiner Seite.

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